Sonntag, Juli 12, 2009
Liberale Devolution, Honduras und Iran
Es ist mir unverständlich, warum undurchschaubare Vorgänge in einem Land mit fremder Sprache eine solche Faszination auf so viele ausüben können. Die wenigsten Deutschen können beurteilen, ob die eigenen Regierenden verfassungsmäßig handeln. Hinzu kommt das Informationsproblem. Regierungen handeln in Hinterzimmern. Beispielhaft seien hier die Vorgänge rund um die Systemrelevanz der HRE und anderer geretteter und nicht geretter Banken genannt.
In Bezug auf Honduras allerdings wird Beitrag auf Beitrag geschrieben, felsenfest Stellung bezogen und munter Einschätzungen über die Vereinbarkeit des Vorgehens der Akteure mit honduranischem Verfassungsrecht abgegeben. Experten unter sich. Nicht anders ist es in Bezug auf den Hype um die Wahlen im Iran. Da werden Ferndiagnosen über Wahlfälschung erstellt, sich über die Reaktionen des Auslands empört und Demonstrationen veranstaltet.
Ich bin mir unsicher, wie ich das werten soll. Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Interesse an der gedanken- und wortreichen Beschäftigung mit solchen ausländischen Banalitäten wie in Honduras und der Wahl im Iran und der Befürwortung eines wohlwollenden, gern auch militärischen Interventionismus. Mich erinnern beide Seiten in der Diskussion um Honduras daran, dass manche meinten, die Intervention im Irak erfolge, um Saddam zum Wohle der irakischen Bevölkerung abzusetzen, oder dass die Vertreibung der Taliban insbesondere wegen der Situation der Frauen zu begrüßen sei.
Außenpolitik weckt auf eine gewisse Art und Weise auch das gutmenschliche Urviech im sonst liberalen Menschen. Er wird leidenschaftlich diskutieren, obwohl sein Informationsniveau in Bezug auf Iran und Honduras dem eines Bildzeitungslesers in Bezug auf Gesundheitspolitik entspricht. Er geht auf Demonstrationen und setzt sich für die Fernsten ein. Irgendwie ist das lustig. Aber doch irgendwie auch traurig, wenn Menschen, die schon für die antipolitische liberale Sache gewonnen waren, solch herbe Rückschläge erleiden können. Außenpolitik bewirkt eine liberale Devolution.
In Bezug auf Honduras allerdings wird Beitrag auf Beitrag geschrieben, felsenfest Stellung bezogen und munter Einschätzungen über die Vereinbarkeit des Vorgehens der Akteure mit honduranischem Verfassungsrecht abgegeben. Experten unter sich. Nicht anders ist es in Bezug auf den Hype um die Wahlen im Iran. Da werden Ferndiagnosen über Wahlfälschung erstellt, sich über die Reaktionen des Auslands empört und Demonstrationen veranstaltet.
Ich bin mir unsicher, wie ich das werten soll. Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Interesse an der gedanken- und wortreichen Beschäftigung mit solchen ausländischen Banalitäten wie in Honduras und der Wahl im Iran und der Befürwortung eines wohlwollenden, gern auch militärischen Interventionismus. Mich erinnern beide Seiten in der Diskussion um Honduras daran, dass manche meinten, die Intervention im Irak erfolge, um Saddam zum Wohle der irakischen Bevölkerung abzusetzen, oder dass die Vertreibung der Taliban insbesondere wegen der Situation der Frauen zu begrüßen sei.
Außenpolitik weckt auf eine gewisse Art und Weise auch das gutmenschliche Urviech im sonst liberalen Menschen. Er wird leidenschaftlich diskutieren, obwohl sein Informationsniveau in Bezug auf Iran und Honduras dem eines Bildzeitungslesers in Bezug auf Gesundheitspolitik entspricht. Er geht auf Demonstrationen und setzt sich für die Fernsten ein. Irgendwie ist das lustig. Aber doch irgendwie auch traurig, wenn Menschen, die schon für die antipolitische liberale Sache gewonnen waren, solch herbe Rückschläge erleiden können. Außenpolitik bewirkt eine liberale Devolution.
Labels: Ausland, Blogger, Interventionismus, Krieg, Liberventionisten
Comments:
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Wie schön, dass Du beurteilen kannst, wie groß meine Informationen über Honduras sind (ob Du dir da anmaßt, besser informiert zu sein, geht nicht so eindeutig aus Deinem Text hervor). Dass sie vielleicht etwas besser sind als die Informationen, die ein Leser einer einzelnen Boulevardzeitung hat, darauf deutet die Tatsache hin, dass ich aus mehreren verschiedenen Quellen zitiere - also werde ich wohl auch mehrere Quelln lesen. In deutscher und englischer Sprache übrigens, und wenn mich jemand hinführt, versuche ich auch spanischsprachige Medien zu entschlüsseln.
Die Informationen aber sind es eigentlich gar nicht, die hier die Diskussion bestimmen - denn es wird hier (und in anderen Threads) gar nicht über unterschiedliche Informationen und Fakten diskutiert, sondern über deren Bewertung. Ich sage ja nicht im Mindesten, dass Christian Lüths Aussagen über die Lage in Honduras falsch wären; im Gegenteil, bei den Fakten widerspricht nichts, was er sagt, dem, was man auch in anderen Medien lesen kann. Es geht um die Bewertung dessen, was man da so erfährt. Und mit seiner Bewertung bin ich nicht einverstanden, wenn er keine neuen Informationen dazu liefert.
Welches Verhalten normal gebildeter Menschen erwartest Du denn auf dem Feld der Außenpolitik? Einfach die Klappe halten, weil man ja sowieso keine Ahnung hat, wenn man dort nicht lebt? Das ist doch unsinnig und würde zu einer völligen außenpolitischen Ignoranz führen, weil man alles einer kleinen Kaste von Experten überlässt. Das Gleiche könnte man aber auf jedem anderen Politikfeld auch fordern. Unter Anderem auch in der Gesundheitspolitik.
Die Informationen aber sind es eigentlich gar nicht, die hier die Diskussion bestimmen - denn es wird hier (und in anderen Threads) gar nicht über unterschiedliche Informationen und Fakten diskutiert, sondern über deren Bewertung. Ich sage ja nicht im Mindesten, dass Christian Lüths Aussagen über die Lage in Honduras falsch wären; im Gegenteil, bei den Fakten widerspricht nichts, was er sagt, dem, was man auch in anderen Medien lesen kann. Es geht um die Bewertung dessen, was man da so erfährt. Und mit seiner Bewertung bin ich nicht einverstanden, wenn er keine neuen Informationen dazu liefert.
Welches Verhalten normal gebildeter Menschen erwartest Du denn auf dem Feld der Außenpolitik? Einfach die Klappe halten, weil man ja sowieso keine Ahnung hat, wenn man dort nicht lebt? Das ist doch unsinnig und würde zu einer völligen außenpolitischen Ignoranz führen, weil man alles einer kleinen Kaste von Experten überlässt. Das Gleiche könnte man aber auf jedem anderen Politikfeld auch fordern. Unter Anderem auch in der Gesundheitspolitik.
Lieber Karsten,
Du bist ja nicht allein angesprochen, sondern mit Dir auch die Seite, die Lüth folgt sowie die Verfasser der 200 Kommentatoren beim ABT. Icvh bezweifle übrigens auch, dass man eine anständie Bewertung treffen könnte, selbst wenn man die Informationen rund um aktuelle ausländische Vorgänge hätte: Du kennst weder Geschichte, Sprache noch Kultur von Honduras. Ich auch nicht.
Im bereich der Außenpolitik erwarte ich von Liberalen die gleiche Position wie auf dem Gebiert der Gesundheitspolitik. Um zu wissen, dass private Gesundheitsversorgung ohne interventionistische Maßnahmen besser ist, brauche ich keine Fakten. So wie man als Liberaler dem Interventionismus national nichts abgewinnen kann, so fußt auch eine liberale Außenpolitik auf dem Non-Interventionismus.
Du bist ja nicht allein angesprochen, sondern mit Dir auch die Seite, die Lüth folgt sowie die Verfasser der 200 Kommentatoren beim ABT. Icvh bezweifle übrigens auch, dass man eine anständie Bewertung treffen könnte, selbst wenn man die Informationen rund um aktuelle ausländische Vorgänge hätte: Du kennst weder Geschichte, Sprache noch Kultur von Honduras. Ich auch nicht.
Im bereich der Außenpolitik erwarte ich von Liberalen die gleiche Position wie auf dem Gebiert der Gesundheitspolitik. Um zu wissen, dass private Gesundheitsversorgung ohne interventionistische Maßnahmen besser ist, brauche ich keine Fakten. So wie man als Liberaler dem Interventionismus national nichts abgewinnen kann, so fußt auch eine liberale Außenpolitik auf dem Non-Interventionismus.
Also ich fühle ich von deinem Beitrag mit gemeint, schließlich habe ich beide Ereignisse kommentiert. Dennoch hoffe ich doch sehr interventionistischer Begierden unverdächtig zu sein. Für banal halte ich die Geschehnisse keineswegs, auch wenn sich eine Gesellschaft nicht am Reisbrett entwerfen lässt, kann man doch zumindest für andere hoffen.
Lieber Michel,
ja, auch an Dich hatte ich gedacht, aber nicht in Bezug auf evtl. Interventionismus. Ich kritisiere ja auch nicht die Beschäftigung mit ausländischen Ereignissen in Form eines Kommentars, sondern die Faszination, die dann zu emotionaler Involviertheit führt. Unverständlich ist mir allerdings, wie Du zur Hoffnung für andere kommst: Sie ersetzen doch nur einen Ausbeuter durch einen anderen. Gruppe A profitiert unter diesem, Gruppe B unter jenem. Ich glaube, dass wohl gerade die Hoffnung nach einem Systemwechsel/Umsturz/Wahlsieg etwas ist, das ich richtig schädlich finde. Wir sind nicht betroffen und massen uns dennoch an entscheiden zu könne, unter welchem Herrscher die Untertanen in Iran oder Honduras es besser hätten. Wie man an so vielen Beispielen sehen kann, macht es in Deutschland keinen Unterschied ob schwarz-gelb oder rot-grün oder Obama oder Bush in den USA regieren. Besonders problematisch ist, dass allein die Hoffnung, fremde Menschen hätten es unter einem anderen Herrscher besser, einen Vorwand für militärische Intervention oder ökonomische Sanktion liefert. Wenn ich an die verabscheuungswürdige Albright zu den dem Irak auferlegten Sanktionen oder die armen Säcke auf Kuba denke, dann wird mir ganz schlecht. All das Elend wird gerechtfertigt mit der Hoffnung, den Leuten einen "bessere" Regierung verschaffen zu können. Das Gleiche Prinzip ist auch hinter Entwicklungshilfe am Werk. Bei dieser können Liberale es erkennen und ablehnen, aber politische Entwicklungshilfe geht den meisten offenbar ganz elegant von der Hand. Hier macht sich keiner Gedanken, ob man durch sein Eingreifen und den Wunsch, Demokratie und Freiheit zu installieren am Ende nur Elend produziert.
Und mal ganz ehrlich: Vielleicht fängt man einfach mal bei sich zu Hause an, bevor man sich Hoffnungen für andere macht. Gibt es hier nicht genug zu tun?
ja, auch an Dich hatte ich gedacht, aber nicht in Bezug auf evtl. Interventionismus. Ich kritisiere ja auch nicht die Beschäftigung mit ausländischen Ereignissen in Form eines Kommentars, sondern die Faszination, die dann zu emotionaler Involviertheit führt. Unverständlich ist mir allerdings, wie Du zur Hoffnung für andere kommst: Sie ersetzen doch nur einen Ausbeuter durch einen anderen. Gruppe A profitiert unter diesem, Gruppe B unter jenem. Ich glaube, dass wohl gerade die Hoffnung nach einem Systemwechsel/Umsturz/Wahlsieg etwas ist, das ich richtig schädlich finde. Wir sind nicht betroffen und massen uns dennoch an entscheiden zu könne, unter welchem Herrscher die Untertanen in Iran oder Honduras es besser hätten. Wie man an so vielen Beispielen sehen kann, macht es in Deutschland keinen Unterschied ob schwarz-gelb oder rot-grün oder Obama oder Bush in den USA regieren. Besonders problematisch ist, dass allein die Hoffnung, fremde Menschen hätten es unter einem anderen Herrscher besser, einen Vorwand für militärische Intervention oder ökonomische Sanktion liefert. Wenn ich an die verabscheuungswürdige Albright zu den dem Irak auferlegten Sanktionen oder die armen Säcke auf Kuba denke, dann wird mir ganz schlecht. All das Elend wird gerechtfertigt mit der Hoffnung, den Leuten einen "bessere" Regierung verschaffen zu können. Das Gleiche Prinzip ist auch hinter Entwicklungshilfe am Werk. Bei dieser können Liberale es erkennen und ablehnen, aber politische Entwicklungshilfe geht den meisten offenbar ganz elegant von der Hand. Hier macht sich keiner Gedanken, ob man durch sein Eingreifen und den Wunsch, Demokratie und Freiheit zu installieren am Ende nur Elend produziert.
Und mal ganz ehrlich: Vielleicht fängt man einfach mal bei sich zu Hause an, bevor man sich Hoffnungen für andere macht. Gibt es hier nicht genug zu tun?
Ob Machthaber A und B macht tatsächlich keinen Unterschied, was aber einen Unterschied macht, ist ob Rechtstaatlichkeit vorherrscht oder Diktatur. Sicher auch ein Rechtsstaat beruht auf kontinuierlichen Rechtsbrüchen, dennoch macht es einen qualitativen Unterschied, der einem sehr viel wert sein kann.
Im verlinkten Artikel kommst du zu dem gleichen Schluss wie ich in Bezug auf Honduras.
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Im verlinkten Artikel kommst du zu dem gleichen Schluss wie ich in Bezug auf Honduras.
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