Samstag, Mai 31, 2008
Wider die linkslibertäre PC
Bei paxx.tv, wo die selbsternannten Linkslibertären schreiben, geht es einmal mehr um Politische Korrektheit. Ich halte die dort geäußerten Ansichten in vielen Punkten für falsch, insbesondere bezüglich der grundlegenden Verkennung des Libertarismus als rechtliche Theorie. Die hier geäußerte Kritik bezieht sich auf den eben verlinkten Artikel, einen weiteren Eintrag auf paxx.tv sowie den vor einiger Zeit in der ef veröffentlichten Artikel. Der Einfachheit gehe ich davon aus, dass Christian und Matt identische Positionen vertreten. Das macht es mir einfacher, erschwert beiden aber eventuell eine Replik.
Beginnen möchte ich meine Kritik mit einem aus meiner Sicht erschreckenden Zitat. In einem Kommentar schreibt Christian:
Eine bedeutende Rolle spielt die Sprache auch in Orwells Romanen. Mit Neusprech will die Regierung in 1984 die Möglichkeit zur Äußerung von Kritik an ihr selbst unterbinden. Das Thema taucht auch in der Farm der Tiere auf: Der Text der von den Schweinen an das Scheunentor gepinselten Gebote verändert sich und mit ihnen die offizielle Geschichte der animalischen Revolution. Gleichwohl, so ist es in beiden Orwell'schen Romanen, überlebt das kritische Denken das Verbot, solche Ideen zu äußern. Mit anderen Worten kann man sagen: Die Ideen bleiben, selbst wenn man sprachlos ist. Wo die Ideen sind, da findet sich früher oder später ein Wort für die Idee. Man beachte nur den historischen Werdegang der Idee des Liberalismus in den USA. Was heute inhaltlich unter liberalism verstanden wird weicht von dem ab, was ursprünglich darunter gefasst wurde. Doch hat die Idee der Freiheit nur kurzfristig Schaden genommen, da sich die Liberalen in den USA unter der Fahne des libertarianism versammeln. Man kann die Menschen sprachlos machen, man kann ihnen aber nicht ihre Ideen nehmen. Die Gedanken sind frei.
Zweifellos gibt es unter diesen Ideen gute und schlechte. Scheitern muss jedoch der Versuch, der in obigem Zitat zum Vorschein kommt, den schlechten Ideen dadurch beizukommen, indem man sie im Diskurs unaussprechlich macht. Dahinter steckt (unbewusst?) eine Sprachtheorie, die keinerlei liberale Wurzeln hat. Eine Theorie über Sprache, nach der die Sprache die Gedanken des Menschen so beeinflusst, dass gewisse Gedanken unmöglich werden, folgt dem marxistischen Gedanken, dass das Sein das Bewusstsein prägt. Mit Marx:
Erstens ist es demnach unmöglich und zweitens, wie gesehen, mit Liberalismus aus philosophischen Gründen ohnehin unvereinbar, über die Sprache als Vehikel politische Korrektheit zu befördern. Drittens gehört zum Liberalismus - und es wundert mich, dass dies nicht unstreitig ist - der Diskurs und das stetige Infragestellen des Gegenwärtigen. Dies wird verunmöglicht, wenn man mittels PC unpopuläre Positionen aus dem Diskurs entfernen will. Interessanterweise kann man den Linkslibertären somit eine Nähe zum Konservatismus unterstellen. Sie vertreten gewisse, unveränderbare Werte, die sie meinen in den Themen gefunden zu haben, die heute Gegenstand der PC sind.
Viertens ist Libertarismus eine Theorie über das, was richtig ist. Libertarismus ist Rechtstheorie. Sie baut auf dem Selbsteigentum auf, das man entweder mit Rothbard, Hoppe oder Rand rechtfertigen kann. Was man aus diesen Rechtfertigungen nicht folgern kann, sind Werte abseits des (Selbst-)Eigentums oder moralisches Verhalten. Wer also etwa behauptet, bestimmte Werte seien anderen Werten vorzuziehen, der muss die Begründung dafür außerhalb der libertären Theorie suchen. Beispielsweise gibt der Libertarismus nur her, dass jeder homosexuelle Beziehungen eingehen kann, ohne daran gehindert werden zu dürfen. Es bedarf aber einer Begründung außerhalb des Libertarismus, warum Toleranz gegenüber Homosexualität der Intoleranz gegenüber Homosexualität vorzuziehen sei. Gleiches gilt etwa für Rassismus: Aus der libertären Theorie folgt nur, dass alle Menschen gleiches Recht an sich selbst haben. Rassismus, so wie ich ihn verstehe, ist schon begrifflich hiermit nicht vereinbar, da üblicherweise unterschiedliche Rechte an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse geknüpft werden. Offenbar vertreten Matt und Christian aber eine umfassendere Definition von Rassismus, wonach auch schon bloßes, vorurteilsbehaftetes Verhalten rassistisch sei. Wie dem auch sei, die libertäre Theorie gibt auch hier nichts dafür her, warum das Innehaben von Vorurteilen schlechter als Vorurteilslosigkeit sein soll.
Die nächste Problematik ergibt sich aus dem Fehlen einer Quelle der linkslibertären Überzeugungen, wonach Toleranz besser als Intoleranz, Vorurteilsfreiheit besser als Vorurteile sein sollen. Aus der libertären Theorie ergibt sich nichts dergleichen. Hieraus entspringt die Überlegung, warum es erstens gerade die linkslibertären Werte sein sollen, die per PC gefördert werden sollen und zweitens, ob es sich bei diesen Werten um die alleinigen Werte handelt. Warum etwa – um das Stilmittel der Provokation zu bemühen – sind Heimatliebe, das Streben nach Ehre und Ruhm oder Ehrfurcht vor den Vorfahren keine Werte, die Linkslibertäre durchsetzen wollen? Diesem Thema, dass es nämlich unmöglich ist, das vorhandene Wertesystem willkürlich durch ein anderes zu ersetzen, ohne sich in Widersprüche zu begeben, widmet sich der für seine Narnia-Geschichten bekannte Christ C.S. Lewis in einer sehr erhellenden und berühmten Schrift „Die Abschaffung des Menschen“. Zu der Frage, woher der Neuerer von Werten sich das Recht nimmt, unter den überlieferten Werten zu scheiden und auszuwählen, schreibt er (S. 49 f.):
Was also ist die libertäre Position zu Werten? Die Antwort ist einfach, es gibt keine. Libertarismus ist Rechtstheorie, nicht Moral. Eine Lösung ergibt sich allenfalls aus dem laissez faire-Prinzip, seinem ökonomischen Pendant. Wer aufgrund seiner Vorurteile diskriminieren will, der kann das tun, trägt aber die Kosten dafür. Er beschränkt aus freien Stücken die Anzahl seiner möglichen Vertragspartner, wodurch ihm möglicherweise bessere Angebote entgehen. Ein diskrimierendes Geschäft, etwa eines, das nicht an Araber verkauft, verliert ein Gutteil seiner möglichen Kundschaft. Ein Wettbewerber, der nicht derart diskriminiert, wird zusätzlichen Umsatz verbuchen, möglicherweise Skaleneffekte verzeichnen und in deren Gefolge schließlich seine Produkte billiger anbieten können. Auf Dauer muss das diskriminierende Geschäft entweder sein Verhalten ändern oder irgendwann Konkurs gehen. Auf diese Art und Weise ist die Sklaverei abgeschafft worden. Eine andere Möglichkeit zum Umgang mit Diskriminierungen gibt es nicht. Es mag sein, dass dieser Weg manchem zu lang erscheint. Gleichwohl gibt es keine Abkürzungen, ohne dass solche Abkürzungen Folgen haben, die man vorher nicht bedacht hat.
Beginnen möchte ich meine Kritik mit einem aus meiner Sicht erschreckenden Zitat. In einem Kommentar schreibt Christian:
Ich sehe im Verdrängen der öffentliche Aussprache von Ressentiments tatsächlich kein Problem. Gedanken, die nicht formuliert werden, verschwinden. Genau dieser Umstand macht das geschriebene Wort so wichtig in der menschlichen KulturDiese Beobachtung ist schon empirisch nicht zu halten: Sind Päderastie oder Homosexualität verschwunden, weil sie über Jahrhunderte geächtet waren oder sind? Was ist mit Ansichten, die unter das strafbewehrte Verbot des § 130 StGB fallen? Sind die verschwunden? Ist die Idee der Freiheit verschwunden?
Eine bedeutende Rolle spielt die Sprache auch in Orwells Romanen. Mit Neusprech will die Regierung in 1984 die Möglichkeit zur Äußerung von Kritik an ihr selbst unterbinden. Das Thema taucht auch in der Farm der Tiere auf: Der Text der von den Schweinen an das Scheunentor gepinselten Gebote verändert sich und mit ihnen die offizielle Geschichte der animalischen Revolution. Gleichwohl, so ist es in beiden Orwell'schen Romanen, überlebt das kritische Denken das Verbot, solche Ideen zu äußern. Mit anderen Worten kann man sagen: Die Ideen bleiben, selbst wenn man sprachlos ist. Wo die Ideen sind, da findet sich früher oder später ein Wort für die Idee. Man beachte nur den historischen Werdegang der Idee des Liberalismus in den USA. Was heute inhaltlich unter liberalism verstanden wird weicht von dem ab, was ursprünglich darunter gefasst wurde. Doch hat die Idee der Freiheit nur kurzfristig Schaden genommen, da sich die Liberalen in den USA unter der Fahne des libertarianism versammeln. Man kann die Menschen sprachlos machen, man kann ihnen aber nicht ihre Ideen nehmen. Die Gedanken sind frei.
Zweifellos gibt es unter diesen Ideen gute und schlechte. Scheitern muss jedoch der Versuch, der in obigem Zitat zum Vorschein kommt, den schlechten Ideen dadurch beizukommen, indem man sie im Diskurs unaussprechlich macht. Dahinter steckt (unbewusst?) eine Sprachtheorie, die keinerlei liberale Wurzeln hat. Eine Theorie über Sprache, nach der die Sprache die Gedanken des Menschen so beeinflusst, dass gewisse Gedanken unmöglich werden, folgt dem marxistischen Gedanken, dass das Sein das Bewusstsein prägt. Mit Marx:
„Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt“Liberale lehnen diese materialistische Auffassung üblicherweise ab. Man vergleiche modern nur die umfangreiche Improve-Yourself-Literatur. Nur die zu Marx gegenteilige, dem Idealismus entspringende Position ist wohl überhaupt mit Liberalismus vereinbar: Wie soll man dem Ideal des Nicht-Aggressionsprinzips folgen können, wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt? Kein Nicht-Kapitalist könnte jemals Libertärer werden.
Erstens ist es demnach unmöglich und zweitens, wie gesehen, mit Liberalismus aus philosophischen Gründen ohnehin unvereinbar, über die Sprache als Vehikel politische Korrektheit zu befördern. Drittens gehört zum Liberalismus - und es wundert mich, dass dies nicht unstreitig ist - der Diskurs und das stetige Infragestellen des Gegenwärtigen. Dies wird verunmöglicht, wenn man mittels PC unpopuläre Positionen aus dem Diskurs entfernen will. Interessanterweise kann man den Linkslibertären somit eine Nähe zum Konservatismus unterstellen. Sie vertreten gewisse, unveränderbare Werte, die sie meinen in den Themen gefunden zu haben, die heute Gegenstand der PC sind.
Viertens ist Libertarismus eine Theorie über das, was richtig ist. Libertarismus ist Rechtstheorie. Sie baut auf dem Selbsteigentum auf, das man entweder mit Rothbard, Hoppe oder Rand rechtfertigen kann. Was man aus diesen Rechtfertigungen nicht folgern kann, sind Werte abseits des (Selbst-)Eigentums oder moralisches Verhalten. Wer also etwa behauptet, bestimmte Werte seien anderen Werten vorzuziehen, der muss die Begründung dafür außerhalb der libertären Theorie suchen. Beispielsweise gibt der Libertarismus nur her, dass jeder homosexuelle Beziehungen eingehen kann, ohne daran gehindert werden zu dürfen. Es bedarf aber einer Begründung außerhalb des Libertarismus, warum Toleranz gegenüber Homosexualität der Intoleranz gegenüber Homosexualität vorzuziehen sei. Gleiches gilt etwa für Rassismus: Aus der libertären Theorie folgt nur, dass alle Menschen gleiches Recht an sich selbst haben. Rassismus, so wie ich ihn verstehe, ist schon begrifflich hiermit nicht vereinbar, da üblicherweise unterschiedliche Rechte an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse geknüpft werden. Offenbar vertreten Matt und Christian aber eine umfassendere Definition von Rassismus, wonach auch schon bloßes, vorurteilsbehaftetes Verhalten rassistisch sei. Wie dem auch sei, die libertäre Theorie gibt auch hier nichts dafür her, warum das Innehaben von Vorurteilen schlechter als Vorurteilslosigkeit sein soll.
Die nächste Problematik ergibt sich aus dem Fehlen einer Quelle der linkslibertären Überzeugungen, wonach Toleranz besser als Intoleranz, Vorurteilsfreiheit besser als Vorurteile sein sollen. Aus der libertären Theorie ergibt sich nichts dergleichen. Hieraus entspringt die Überlegung, warum es erstens gerade die linkslibertären Werte sein sollen, die per PC gefördert werden sollen und zweitens, ob es sich bei diesen Werten um die alleinigen Werte handelt. Warum etwa – um das Stilmittel der Provokation zu bemühen – sind Heimatliebe, das Streben nach Ehre und Ruhm oder Ehrfurcht vor den Vorfahren keine Werte, die Linkslibertäre durchsetzen wollen? Diesem Thema, dass es nämlich unmöglich ist, das vorhandene Wertesystem willkürlich durch ein anderes zu ersetzen, ohne sich in Widersprüche zu begeben, widmet sich der für seine Narnia-Geschichten bekannte Christ C.S. Lewis in einer sehr erhellenden und berühmten Schrift „Die Abschaffung des Menschen“. Zu der Frage, woher der Neuerer von Werten sich das Recht nimmt, unter den überlieferten Werten zu scheiden und auszuwählen, schreibt er (S. 49 f.):
Da ich auf alle diese Fragen keine Antwort finden kann, ziehe ich folgende Schlüsse: Was ich aus praktischen Gründen das Tao genannt habe, und was andere das Naturgesetz oder die überlieferte Moral oder das Erste Prinzip der Praktischen Vernunft oder die Grundwahrheiten nennen mögen, ist nicht ein Wertsystem innerhalb einer Reihe von Wertsystemen. Es ist die einzige Quelle aller Werturteile. Wird es abgelehnt, wird jeglicher Wert verworfen. Wird irgendein Wert beibehalten, wird auch es beibehalten. Der Versuch, es abzulehnen und ein neues Wertsystem an seine Stelle zu setzen, ist ein Widerspruch in sich. Nie hat es in der Weltgeschichte ein radikal neues Wertsystem gegeben, und es wird nie eines geben. Was den Anspruch erhebt, ein neues System oder (wie es heute heißt) eine neue Ideologie zu sein, besteht aus lauter Fragmenten des Tao selbst, die – willkürlich aus dem Zusammenhang des Ganzen gerissen und in ihrer Isolierung bis zum Irrsinn aufgeschwellt – ihre allfällige Gültigkeit noch immer dem Tao und ihm allein verdanken. Ist die Pflicht meinen Eltern gegenüber ein Aberglaube, so auch meine Pflicht der Nachwelt gegenüber. Ist Gerechtigkeit Aberglaube, so auch die Pflicht meinem Land oder meiner Rasse gegenüber. Ist wissenschaftliches Forschen ein echter Wert, so auch die eheliche Treue.Eben solches von Lewis beschriebenes Rosinenpicken betreiben aber die Linkslibertären. Ich gebe zu, das ist eine Unterstellung. Ich nehme an, dass sie, angesichts der Ablehnung religiöser oder christlicher Werte, durchaus berechtigt ist, lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen.
Was also ist die libertäre Position zu Werten? Die Antwort ist einfach, es gibt keine. Libertarismus ist Rechtstheorie, nicht Moral. Eine Lösung ergibt sich allenfalls aus dem laissez faire-Prinzip, seinem ökonomischen Pendant. Wer aufgrund seiner Vorurteile diskriminieren will, der kann das tun, trägt aber die Kosten dafür. Er beschränkt aus freien Stücken die Anzahl seiner möglichen Vertragspartner, wodurch ihm möglicherweise bessere Angebote entgehen. Ein diskrimierendes Geschäft, etwa eines, das nicht an Araber verkauft, verliert ein Gutteil seiner möglichen Kundschaft. Ein Wettbewerber, der nicht derart diskriminiert, wird zusätzlichen Umsatz verbuchen, möglicherweise Skaleneffekte verzeichnen und in deren Gefolge schließlich seine Produkte billiger anbieten können. Auf Dauer muss das diskriminierende Geschäft entweder sein Verhalten ändern oder irgendwann Konkurs gehen. Auf diese Art und Weise ist die Sklaverei abgeschafft worden. Eine andere Möglichkeit zum Umgang mit Diskriminierungen gibt es nicht. Es mag sein, dass dieser Weg manchem zu lang erscheint. Gleichwohl gibt es keine Abkürzungen, ohne dass solche Abkürzungen Folgen haben, die man vorher nicht bedacht hat.
Labels: Blogger, Christentum, Libertarismus, Links, Marx, PC, Prinzipien, Recht, Sprache
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"warum das Innehaben von Vorurteilen schlechter als Vorurteilslosigkeit sein soll."
Vielleicht, weil Vorurteilsbeladenheit, wo sie die Massen - den Mob - ergreift, die psychologische Hemmschwelle für die Verletzung von Eigentumsrechten senkt?
Vielleicht, weil Vorurteilsbeladenheit, wo sie die Massen - den Mob - ergreift, die psychologische Hemmschwelle für die Verletzung von Eigentumsrechten senkt?
Danke für die ausführliche Besprechung unserer Beiträge, Dirk!
Der kritische Angelpunkt in Deinem Argument gegen die "linkslibertäre PC" sehe ich in der Behauptung, dass sich der (objektive, neutrale) libertäre Rechtsrahmen vollständig von den (subjektiven, sinnhaften) Inhalten trennen lässt, mit denen die Individuen das gesellschaftliche Zusammenleben füllen. Chris Sciabarra würde hier von einem Dualismus von privater und öffentlicher Moral sprechen.
Interessant ist, dass Du mit Rothbard, Hoppe und Rand drei Theoretiker nennst, die, zumindest wenn man vom späten Rothbard ausgeht, diese Trennung keineswegs so strikt wie Du mitgemacht haben bzw. mitmachen: Rand sah eine individualistische, rationale und sekuläre Wertegemeinschaft als Voraussetzung für eine freie Gesellschaft, während der späte Rothbard (nach dem Fall des Sowjetsozialismus und der vorübergehenden Auflösung der falkenhaften, antikommunistischen Rechten in den USA) und Hoppe im Paläokonservatismus und im Christentum diese Voraussetzung sahen bzw. sehen. Natürlich ist es aber so, dass der frühe Rothbard eine atomistischere Position vertreten hatte, die heute von Walter Block unter dem Namen "plumb line libertarianism" weitergeführt wird. (Rothbard war zwar in seinen privaten Wertvorstellungen immer konservativ, hat diese aber erst spät in seinen Libertarismus integriert.)
Aber um auf den Punkt zu kommen: Den von Dir vertretenen Dualismus zwischen privater und öffentlicher Moral sehe ich nicht für praktikabel. Es ist schlichtweg falsch, davon auszugehen, dass die private und die öffentliche Moral sich nicht gegenseitig beeinflussen.
Den Einfluss der öffentlichen Moral auf die private ist wohl weniger strittig als die Umkehrung. Niemand wird wohl bestreiten, dass eine Veränderung des rechtlichen Rahmens einer Gesellschaft auch eine Veränderung der privaten Moral mit sich bringt. Es liegt auf der Hand, dass sich der Sowjetsozialismus in der Geisteshaltung vieler Bewohner der UdSSR niedergeschlagen hat, oder dass die halbgar liberalen Reformen in Europa nach der Aufklärung und die daraus resultierende Industrialisierung einen enormen Individualisierungsschub gebracht haben.
Andererseits ist es aber auch offensichtlich, dass die Beeinflussung auch in die andere Richtung passiert. So wird beispielsweise nicht selten erwähnt, dass der Nepotismus den Übergang Russlangs in eine westliche Demokratie bremst oder dass die vorherrschenden Clanstrukturen in vielen Ländern Afrikas die Entwicklung in diesen Ländern erschweren.
Gleichzeitig sollte es auch offensichtlich sein, dass einige Wertesysteme einer freien Gesellschaft mehr Stabilität verleihen als andere. So ist es, in Anschluss an Dominik, nur schwer vorstellbar, wie eine "freie" Gesellschaft über längere Zeit Bestand haben soll, die aktiv und systematisch gewisse Bevölkerungsgruppen durch öffentlichen, verbalen Hass drangsaliert. Man muss schon ein Verfechter eines sehr vulgären kartesischen Körper-Geist-Dualismus sein, wenn man glaubt, dass das Pendel in einer solch delikaten Situation nicht in jedem Moment in Richtung Gewalt umschlagen kann. Die Situation in Südafrika gibt und dafür ja ein sehr aktuelles und trauriges Beispiel: Über lange Zeit haben da viele Südafrikaner einen Hass gegen die Immigranten in ihren Köpfen getragen und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser Hass in ihrem Handeln niederschlägt.
Kurz: Ich bin der Auffassung, dass es Voraussetzungen gibt, die dem Entstehen einer freien Gesellschaft vorhergehen. Du würdest mir wohl auch zustimmen, dass eine dieser Voraussetzungen die Existenz einer liberalen Kultur ist, die das NAP respektiert. Ich bin nun halt einfach der Ansicht, dass sich diese Minimalvoraussetzung nicht so leicht aus dem Hut zaubern lässt, sondern dass die vom NAP verkörperte Idee der Gleichheit auch in einem umfassenderem Rahmen gelebt werden muss. Oder wäre es nicht merkwürdig, wenn man z.B. fordern würde, dass Homosexuelle denselben rechtlichen Status wie Heterosexuelle haben sollen, gleichzeitig aber alles daran setzn würde, den Homosexuellen das Leben so schwer wie möglich zu machen?
Zum Abschluss noch zwei Anmerkungen:
Ich bin nicht (mehr) so sicher, ob ich Christians Idee des "Verdrängen[s] der öffentliche Aussprache von Ressentiments" uneingeschränkt zustimme. Ich tendiere dazu, zu glauben, dass eine PC, um tatsächlich funktionieren zu können, auch eine aktive Aufdeckung von Ressentiments braucht. Ich muss mir aber in dieser Frage noch mehr Gedanken mache, bevor ich eine kohärente Idee präsentieren kann.
Des Weiteren sei noch angemerkt, dass ich in keiner Weise Urheber der in diesem Kommentar geäusserten Ideen bin. Ich stütze mich vor allem auf folgende Texte, die mich nachhaltig beeinflusst haben:
Johnson, Charles. 2005. "Remarks on Jan Narveson’s 'Libertarianism: the Thick and the Thin'".
Johnson, Charles. 2008. "Liberty, Equality, Solidarity: Toward a Dialectical Anarchism", in: Roderick T. Long und Tibor Machan (Hg.), Anarchism/Minarchism: Is a Government Part of a Free Country?, Ashgate Press, pp. 155-188.
Long, Roderick T. und Charles Johnson. Unveröffentlicht. "Libertarian Feminism: Can This Marriage Be Saved?".
Sciabarra, Chris Matthew. 2000. Total Freedom. Toward a Dialectical Libertarianism, Pennsylvania State University Press.
Der kritische Angelpunkt in Deinem Argument gegen die "linkslibertäre PC" sehe ich in der Behauptung, dass sich der (objektive, neutrale) libertäre Rechtsrahmen vollständig von den (subjektiven, sinnhaften) Inhalten trennen lässt, mit denen die Individuen das gesellschaftliche Zusammenleben füllen. Chris Sciabarra würde hier von einem Dualismus von privater und öffentlicher Moral sprechen.
Interessant ist, dass Du mit Rothbard, Hoppe und Rand drei Theoretiker nennst, die, zumindest wenn man vom späten Rothbard ausgeht, diese Trennung keineswegs so strikt wie Du mitgemacht haben bzw. mitmachen: Rand sah eine individualistische, rationale und sekuläre Wertegemeinschaft als Voraussetzung für eine freie Gesellschaft, während der späte Rothbard (nach dem Fall des Sowjetsozialismus und der vorübergehenden Auflösung der falkenhaften, antikommunistischen Rechten in den USA) und Hoppe im Paläokonservatismus und im Christentum diese Voraussetzung sahen bzw. sehen. Natürlich ist es aber so, dass der frühe Rothbard eine atomistischere Position vertreten hatte, die heute von Walter Block unter dem Namen "plumb line libertarianism" weitergeführt wird. (Rothbard war zwar in seinen privaten Wertvorstellungen immer konservativ, hat diese aber erst spät in seinen Libertarismus integriert.)
Aber um auf den Punkt zu kommen: Den von Dir vertretenen Dualismus zwischen privater und öffentlicher Moral sehe ich nicht für praktikabel. Es ist schlichtweg falsch, davon auszugehen, dass die private und die öffentliche Moral sich nicht gegenseitig beeinflussen.
Den Einfluss der öffentlichen Moral auf die private ist wohl weniger strittig als die Umkehrung. Niemand wird wohl bestreiten, dass eine Veränderung des rechtlichen Rahmens einer Gesellschaft auch eine Veränderung der privaten Moral mit sich bringt. Es liegt auf der Hand, dass sich der Sowjetsozialismus in der Geisteshaltung vieler Bewohner der UdSSR niedergeschlagen hat, oder dass die halbgar liberalen Reformen in Europa nach der Aufklärung und die daraus resultierende Industrialisierung einen enormen Individualisierungsschub gebracht haben.
Andererseits ist es aber auch offensichtlich, dass die Beeinflussung auch in die andere Richtung passiert. So wird beispielsweise nicht selten erwähnt, dass der Nepotismus den Übergang Russlangs in eine westliche Demokratie bremst oder dass die vorherrschenden Clanstrukturen in vielen Ländern Afrikas die Entwicklung in diesen Ländern erschweren.
Gleichzeitig sollte es auch offensichtlich sein, dass einige Wertesysteme einer freien Gesellschaft mehr Stabilität verleihen als andere. So ist es, in Anschluss an Dominik, nur schwer vorstellbar, wie eine "freie" Gesellschaft über längere Zeit Bestand haben soll, die aktiv und systematisch gewisse Bevölkerungsgruppen durch öffentlichen, verbalen Hass drangsaliert. Man muss schon ein Verfechter eines sehr vulgären kartesischen Körper-Geist-Dualismus sein, wenn man glaubt, dass das Pendel in einer solch delikaten Situation nicht in jedem Moment in Richtung Gewalt umschlagen kann. Die Situation in Südafrika gibt und dafür ja ein sehr aktuelles und trauriges Beispiel: Über lange Zeit haben da viele Südafrikaner einen Hass gegen die Immigranten in ihren Köpfen getragen und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser Hass in ihrem Handeln niederschlägt.
Kurz: Ich bin der Auffassung, dass es Voraussetzungen gibt, die dem Entstehen einer freien Gesellschaft vorhergehen. Du würdest mir wohl auch zustimmen, dass eine dieser Voraussetzungen die Existenz einer liberalen Kultur ist, die das NAP respektiert. Ich bin nun halt einfach der Ansicht, dass sich diese Minimalvoraussetzung nicht so leicht aus dem Hut zaubern lässt, sondern dass die vom NAP verkörperte Idee der Gleichheit auch in einem umfassenderem Rahmen gelebt werden muss. Oder wäre es nicht merkwürdig, wenn man z.B. fordern würde, dass Homosexuelle denselben rechtlichen Status wie Heterosexuelle haben sollen, gleichzeitig aber alles daran setzn würde, den Homosexuellen das Leben so schwer wie möglich zu machen?
Zum Abschluss noch zwei Anmerkungen:
Ich bin nicht (mehr) so sicher, ob ich Christians Idee des "Verdrängen[s] der öffentliche Aussprache von Ressentiments" uneingeschränkt zustimme. Ich tendiere dazu, zu glauben, dass eine PC, um tatsächlich funktionieren zu können, auch eine aktive Aufdeckung von Ressentiments braucht. Ich muss mir aber in dieser Frage noch mehr Gedanken mache, bevor ich eine kohärente Idee präsentieren kann.
Des Weiteren sei noch angemerkt, dass ich in keiner Weise Urheber der in diesem Kommentar geäusserten Ideen bin. Ich stütze mich vor allem auf folgende Texte, die mich nachhaltig beeinflusst haben:
Johnson, Charles. 2005. "Remarks on Jan Narveson’s 'Libertarianism: the Thick and the Thin'".
Johnson, Charles. 2008. "Liberty, Equality, Solidarity: Toward a Dialectical Anarchism", in: Roderick T. Long und Tibor Machan (Hg.), Anarchism/Minarchism: Is a Government Part of a Free Country?, Ashgate Press, pp. 155-188.
Long, Roderick T. und Charles Johnson. Unveröffentlicht. "Libertarian Feminism: Can This Marriage Be Saved?".
Sciabarra, Chris Matthew. 2000. Total Freedom. Toward a Dialectical Libertarianism, Pennsylvania State University Press.
Hallo Dirk,
eine etwas verspätete Antwort.
Vorab:
1. Das mit den Linkslibertären ist mehr fremd- als selbsternannt. Ich selbst bezeichne mich so in der Regel nicht.
2. Zu deinem missglückten Vergleich: Päderastie ist keine Idee oder kein Ressentiment, gleiches gilt für Homosexualität. Natürlich verschwinden beide nicht durch Verbote. Das trägt also nichts zur Sache bei.
Aber zum eigentlichen Punkt: Dein Kommentar hat mich etwas zum Schmunzeln gebracht, weil du irgendwie verschiedene Dinge durcheinander haust. Du scheinst irgendwie zum implizieren, dass mein Sprachverständnis marxistischer Natur sei - und scheinst es so diskreditieren zu wollen. Beides schlägt m.E. fehl.
Meine von dir zitierte Aussage ist in der Tat nicht empirisch, sondern theoretisch. Sie gleicht ein wenig dem bekannten "Wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner hört es, macht er ein Geräusch?" Warum? Weil Gedanken sehr selten gar nicht mehr formuliert werden und daher sehr selten tatsächlich verschwinden. Ich bleibe aber bei der theoretischen Aussage: Wenn eine Idee oder ein Gedanke nicht mehr formuliert wird, verschwindet sie/er.
Ideen bedürfen ab einer gewissen Komplexität einer symbolischen Grundlage. Ohne Sprache also (in einem gewissen Sinne) keine Ideen. Dies gilt umso mehr in einem sozialen Kontext, wenn also Ideen ausgetauscht werden. Ohne Sprache keine sozialen, intersubjektiven Ideen. Es wäre schlicht absurd zu glauben, dass Sprachen also nicht auch Ideen prägen. Heute etablierte Sachverhalte der Thermodynamik hätten bspw. vor 100 Jahren mangels einer entspr. Sprache überhaupt nicht ergriffen werden können.
Diesem recht banalen Verständnis kannst du gerne widersprechen. Für eine Widerlegung wäre dir die Kommunikationswissenschaft sicher zu Dank verpflichtet. Ich sehe hier jedoch von dir keinerlei Argument.
Stattdessen versuchst du, dieses Sprachverständnis irgendwie als marxistisch zu diskreditieren (?). Dafür eignet sich das von dir aufgeführte Marx-Zitat jedoch nicht. Marx diskutiert hier Klassenbewusstsein, welches durch ökonomische Umstände geprägt sei. Was hat das mit der Interdependenz von Sprache und Ideen zu tun?
Aber selbst wenn ich hier einen Zusammenhang sehen würde, müsste ich deiner Aussage widersprechen, dass ein Zusammenhang von Sein und Bewusstsein irgendwie iliberal wäre. Selbstverständlich prägt physisches Sein auch Bewusstsein. Das ist eine schlichte empirische Aussage, keine polit-philosophische.
Es ist wirklich schon lustig, dass ein Beitrag, der gegen die PC wettert, auf diese seltsame Art und Weise gewisse wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem liberalen Stigma zu versehen sucht. Würde ich dir zustimmen und meine Ansicht als iliberal verwerfen, hättest du den besten Beweis für die Funktion der PC erbracht. Das ist auch ein Kunststück :-D
Bleibt nach diesem missglückten Ausflug in die Sprachtheorie noch dein Argument, dass PC nicht mit Liberalismus zu vereinbaren sei. Hierzu haben wir bei uns drüben schon einiges gesagt. Deine Befürwortung des Diskurses und des offenen Erkenntnisinteresses, ebenso wie deine Lesart des Libertarismus als Rechtstheorie widerspricht m.E. nicht unseren Ausführungen. Warum Hass und Ressentiments Dinge sind, die nach unserer Auffassung tabuisiert werden sollten, kannst du auch unseren Beiträgen entnehmen.
Entschieden widersprechen würde ich dir abschliessend bei dieser apodiktischen Aussage: "Libertarismus ist Rechtstheorie, nicht Moral."
Das eine lässt sich vom anderen überhaupt nicht trennen, jede Rechtstheorie ist immer auch Moraltheorie. Es ist mir unverständlich, wie du also die libertäre Rechtstheorie von jeder Moral zu trennen können glaubst. Ein Libertarismus ohne Moral ist weniger als eine Dame ohne Unterleib. Ich würde sogar so weit gehen: Es ist mir keine Begründung des Libertarismus bekannt, welche nicht moralisch argumentiert. Hier muss ich also dein Verständnis des Libertarismus etwas in Frage stellen.
Dennoch Danke für deine Auseinandersetzung mit unseren Beiträgen.
eine etwas verspätete Antwort.
Vorab:
1. Das mit den Linkslibertären ist mehr fremd- als selbsternannt. Ich selbst bezeichne mich so in der Regel nicht.
2. Zu deinem missglückten Vergleich: Päderastie ist keine Idee oder kein Ressentiment, gleiches gilt für Homosexualität. Natürlich verschwinden beide nicht durch Verbote. Das trägt also nichts zur Sache bei.
Aber zum eigentlichen Punkt: Dein Kommentar hat mich etwas zum Schmunzeln gebracht, weil du irgendwie verschiedene Dinge durcheinander haust. Du scheinst irgendwie zum implizieren, dass mein Sprachverständnis marxistischer Natur sei - und scheinst es so diskreditieren zu wollen. Beides schlägt m.E. fehl.
Meine von dir zitierte Aussage ist in der Tat nicht empirisch, sondern theoretisch. Sie gleicht ein wenig dem bekannten "Wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner hört es, macht er ein Geräusch?" Warum? Weil Gedanken sehr selten gar nicht mehr formuliert werden und daher sehr selten tatsächlich verschwinden. Ich bleibe aber bei der theoretischen Aussage: Wenn eine Idee oder ein Gedanke nicht mehr formuliert wird, verschwindet sie/er.
Ideen bedürfen ab einer gewissen Komplexität einer symbolischen Grundlage. Ohne Sprache also (in einem gewissen Sinne) keine Ideen. Dies gilt umso mehr in einem sozialen Kontext, wenn also Ideen ausgetauscht werden. Ohne Sprache keine sozialen, intersubjektiven Ideen. Es wäre schlicht absurd zu glauben, dass Sprachen also nicht auch Ideen prägen. Heute etablierte Sachverhalte der Thermodynamik hätten bspw. vor 100 Jahren mangels einer entspr. Sprache überhaupt nicht ergriffen werden können.
Diesem recht banalen Verständnis kannst du gerne widersprechen. Für eine Widerlegung wäre dir die Kommunikationswissenschaft sicher zu Dank verpflichtet. Ich sehe hier jedoch von dir keinerlei Argument.
Stattdessen versuchst du, dieses Sprachverständnis irgendwie als marxistisch zu diskreditieren (?). Dafür eignet sich das von dir aufgeführte Marx-Zitat jedoch nicht. Marx diskutiert hier Klassenbewusstsein, welches durch ökonomische Umstände geprägt sei. Was hat das mit der Interdependenz von Sprache und Ideen zu tun?
Aber selbst wenn ich hier einen Zusammenhang sehen würde, müsste ich deiner Aussage widersprechen, dass ein Zusammenhang von Sein und Bewusstsein irgendwie iliberal wäre. Selbstverständlich prägt physisches Sein auch Bewusstsein. Das ist eine schlichte empirische Aussage, keine polit-philosophische.
Es ist wirklich schon lustig, dass ein Beitrag, der gegen die PC wettert, auf diese seltsame Art und Weise gewisse wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem liberalen Stigma zu versehen sucht. Würde ich dir zustimmen und meine Ansicht als iliberal verwerfen, hättest du den besten Beweis für die Funktion der PC erbracht. Das ist auch ein Kunststück :-D
Bleibt nach diesem missglückten Ausflug in die Sprachtheorie noch dein Argument, dass PC nicht mit Liberalismus zu vereinbaren sei. Hierzu haben wir bei uns drüben schon einiges gesagt. Deine Befürwortung des Diskurses und des offenen Erkenntnisinteresses, ebenso wie deine Lesart des Libertarismus als Rechtstheorie widerspricht m.E. nicht unseren Ausführungen. Warum Hass und Ressentiments Dinge sind, die nach unserer Auffassung tabuisiert werden sollten, kannst du auch unseren Beiträgen entnehmen.
Entschieden widersprechen würde ich dir abschliessend bei dieser apodiktischen Aussage: "Libertarismus ist Rechtstheorie, nicht Moral."
Das eine lässt sich vom anderen überhaupt nicht trennen, jede Rechtstheorie ist immer auch Moraltheorie. Es ist mir unverständlich, wie du also die libertäre Rechtstheorie von jeder Moral zu trennen können glaubst. Ein Libertarismus ohne Moral ist weniger als eine Dame ohne Unterleib. Ich würde sogar so weit gehen: Es ist mir keine Begründung des Libertarismus bekannt, welche nicht moralisch argumentiert. Hier muss ich also dein Verständnis des Libertarismus etwas in Frage stellen.
Dennoch Danke für deine Auseinandersetzung mit unseren Beiträgen.
Sowohl die Idee einer political correctness, als auch die Vorstellung von einer Änderung der Gesellschaft durch Kommunikation geht offenbar von der Vorstellung aus, die menschliche Gesellschaft zielgemäß beeinflussen, ja steuern zu können. Worin ist diese Idee begründet? Freilich wird man von Menschen, auf die man Macht ausübt, wenn diese etwas Cleverness mitbringen, Lippenbekenntnisse und Verhaltenssignale bekommen, die man als Mächtiger für den Erfolg der eigenen Propaganda halten kann. Hat man auf diese Weise aber wirklich das Bewußtsein der Menschen zielgerichtet geändert? Ich lebe seit meiner Kindheit mit einer Schere im Kopf: da meine Familie und Freunde, dort die „staat“lichen Organe und ihre Wünsche nach Konformität. Mit Rücksicht auf das eigene Leben und der Unfertigkeit des eigenen Denkens kann man oft gar nicht anders, als sich so weit anpassen, als es mit dem Gewissen noch vereinbar und mit den eigenen Zielen kompatibel ist. Hat mich nun die kommunistische Propaganda meiner Kindheit und Jugend zu einem Menschen nach den Vorstellungen der Kommunisten gemacht? Hat mich das - zuweilen inkonsequente – Gegenhalten meiner Familie und Freunde zu einem „Libertären" gemacht? Beides muss ich wohl verneinen. Man kann den eigenen Einfluss auf die Haltungen und Werte anderer Menschen nur überschätzen. Jeder Versuch, durch Verschweigen und Verbotsdruck irgendeine gewünschte Reaktion zu verstetigen, kann – insbesondere im Informationszeitalter – Gegenreaktionen provozieren. Wo man Rassismus verbieten oder totschweigen will, wird man Rassismus interessant machen, wo man für Homosexualität wirbt, wird man Aversionen veranlassen. Wo aber Menschen Nutzen sehen, werden sie hinwegsehen über Unzulänglichkeiten aus ihrer bisherigen Sicht. Die Idee der Gleichheit hilft da kaum. Menschen sind nicht gleich und sie wollen es gewöhnlich auch nicht werden. Wer aber die Vielfalt der Menschen liebt, hat kein Problem mit selbstverständlich gelebter Homosexualität und mit der Andersartigkeit der Wohnungen und Lebensweise Fremder, solange er in seinem Eigentum davon nicht gestört wird. Man kann aber niemanden dazu bringen, die Vielfalt zu lieben, ja, er kann diese Liebe noch nicht einmal selbst willentlich erzeugen. Es ist klug, sich auch weiterhin vor zielgerichteter Propaganda zu hüten und weiterhin Aufklärung zu treiben, für sich selbst und damit zwangsläufig auch für jene, mit denen man kommuniziert. Dann fallen Fehlurteile von ganz allein weg, Vorurteile können wir uns ohnehin nicht verbieten.
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