Donnerstag, Juni 01, 2006

 

Plädoyer pro Erbschaft

Viel zu häufig kann man lesen und hören, daß Erbschaften leistungsloses Einkommen seien. Daher sei es gerecht, würde man die Erbschaftssteuer erhöhen. Ziel dieses Beitrags ist es, in Kurzform die Argumente gegen die Besteuerung zusammenzustellen.

Zunächst ist eine Erbschaft nichts anderes als eine Schenkung. In beiden Fällen handelt es sich um eine unentgeltliche Zuwendung einer Person an eine andere Person. Wer sich also gegen Erbschaften wendet, der muß sich folgerichtig auch gegen Schenkungen unter Lebenden wenden. Nicht umsonst berücksichtigt das Steuerrecht Erbschaften und Schenkungen wechselseitig, d. h. das eine wird auf das andere (innerhalb gewisser Zeiträume) angerechnet und in der Summe besteuert. Eine moralische Begründung für die Ungerechtigkeit von Schenkungen (und warum sie zu besteuern seien) ist dagegen schwer zu finden.

Wer Erbschaften besteuern will, der sieht sich also nicht nur mit dem Problem der Durchführung der Besteuerung beim Todesfall, sondern auch mit der Steuerdurchsetzung bei Schenkungen konfrontiert. Während Erbschaften leicht zu erfassen und demnach zu besteuern sind (beim Todesfall ist die Vorschriftendichte in Deutschland so hoch, daß spätestens jetzt Stiefvater Staat nahezu uneingeschränkt über das Vermögen des Erblassers informiert wird), ist die steuerliche Erfassung von Vermögensübergängen (zumindest beim mobilen Vermögen) unter Lebenden sehr schwer. Es ist also leicht, aktiv Steuern zu vermeiden. Wohin Schwierigkeiten bei der steuerlichen Erfassung führen, demonstriert die Quasi-Abschaffung des deutschen Bankgeheimnisses. Die Folge einer Besteuerung von privaten Transaktionen ist der expansive Überwachungs- und Spitzelstaat.

Der Besteuerung von Erbschaften liegt manchmal nicht nur der angeblich leistungslose Erwerb des Erben, sondern auch der Gedanke zugrunde, daß es sich eigentlich um unrechtmäßig erworbenes Vermögen handele. Akzeptierte man diese These, so wäre jedoch eine Lösung dieser "Ungerechtigkeit" nicht im Verhindern der Übertragung von Vermögen der einen auf die andere Person zu sehen, sondern in der Verhinderung des ursprünglichen unrechtmäßigen Erwerbs. Desweiteren wäre dies ein Armutszeugnis für das behauptete Monopol der staatlichen Rechtsdurchsetzung, denn die Besteuerung nach dem Verbrechen zeigt die Unfähigkeit des Gewaltmonopols, das Verbrechen überhaupt zu verhindern.

Schließlich unterliegt der Erbschaftssteuer noch die Logik der Herstellung einer Chancengeleichheit von Geburt an. Niemand soll qua Vermögen der Eltern einen besseren Start ins Leben haben. Es entspreche der Chancengeleichheit besser, wäre jeder gleich reich (oder besser: arm). Das ist in meinen Augen eine zutiefst materialistische Position. Sie reduziert die Chancen eines Menschen auf dessen finanzielle Ausstattung - und stammt paradoxerweise aus dem linken Lager, dessen Angehörigen angeblich andere Werte viel wichtiger seien. Diese Logik gilt jedoch nicht für Erben, denn hier knüpfen sich die Chancen einzig an das Vermögen, nicht aber an Talente. Denn ist es nicht denkbar, daß jemand zwar arm, aber gesegnet mit einem musikalischen Talent zur Welt kommt, daß eine einträgliche Musikerkarriere erlaubt? Was ist mit dem Naturtalent, das einem Sportler in die Wiege gelegt wurde? Wie gleicht man diese zufaelligen Chancenungleichheiten aus? Müßte, nimmt man die Herstellung gleicher Chancen ernst, nicht das natürliche Talent bemessen werden und derjenige, dem es an solchem fehlt, nicht einen finanziellen Ausgleich erhalten? Solche Ungleichheiten dagegen nimmt die Linke in Kauf und demonstriert dadurch, daß sie dem materiellen Reichtum eine wesentlich höhere Wichtigkeit zugesteht, als es ihren Worten zu entnehmen ist.

Die Erbschaftssteuer hat also keine höhere moralische Berechtigung als irgendeine andere Steuer. Im Gegenteil, es ist über sie zu sagen, was auf alle Steuern zutrifft: ihre Erhebung ist unberechtigt.

Comments:
Hallo Dirk,

ihre Erhebung ist unberechtigt.

Hoert, hoert!

Obwohl ich mich als Linker verorte, ist die Erbschaftssteuer, so wie Du ja schoen dargelegt hast, auch fuer mich ein Unding, eben aus dem Schenkungsaspekt heraus.

Im Gegenteil, es ist über sie zu sagen, was auf alle Steuern zutrifft

Wenn Du dieser Meinung bist, was argumentierst Du dann ueberhaupt gegen eine spezielle Steuer?

Schoenen Gruss, Steve
 
Hallo Steve,

es freut mich, daß es auch Linke gibt, die nicht der herkömmlichen Argumentation bei der ErbSchSt folgen.

Argumente gegen die ErbSchSt sind deswegen wichtig, weil bei dieser so getan wird, als unterliege ihr eine besondere Gerechtigkeit, die andere Steuerarten nicht haetten. Dem ist nicht so.

Besser ist uebrigens die Verlinkung zu Deinem Blog. Als ich zuletzt zu Dir gesurft bin, habe ich alles angeschaut ausser dem Link zum Blog. Ich stelle eine Verlinkung beim nächsten größeren Update mit verbesserter Blogroll und neuen Autoren in Aussicht.

best, Dirk
 
"Es entspreche der Chancengeleichheit besser, wäre jeder gleich reich (oder besser: arm). Das ist in meinen Augen eine zutiefst materialistische Position. Sie reduziert die Chancen eines Menschen auf dessen finanzielle Ausstattung - und stammt paradoxerweise aus dem linken Lager, dessen Angehörigen angeblich andere Werte viel wichtiger seien."

Das sehe ich genau so. Hier besteht ein eklatanter Widerspruch. Das Standardargument von linker Seite lautet dann meist: Wenigstens da, wo wir es können, wollen wir die Ungleichheit vermeiden. Dabei lassen sie es damit zu, dass andere Ungleichheiten, die genau so gut oder so schlecht zu begründen sind wie materielle, an Bedeutung gewinnen.
 
Rayson,
danke für den Kommentar. Wenn ich jetzt "links" argumentieren müßte, würde ich einwenden, daß die Talente eines Menschen vom gesellschaftlichen Umfeld abhängen, nicht von der Biologie. Die Entwicklung zum Musiker hätte dann nichts mit Glück zu tun, sondern mit den Entwicklungsmöglichkeiten, die die Gesellschaft bietet.
 
Ja, Dirk, so müsstest du "links" argumentieren :-)

Aber erstens ist das in dieser Unbedingtheit schlicht falsch, und zweitens ist es ja eigentlich völlig wurscht, ob es biologische Vererbung oder Förderung durch die Eltern (materiell, immateriell) ist, die den Startvorteil ausmacht.
 
Hallo Dirk, hallo Rayson,

danke im Voraus für den Link und jetzt schon für das Lob, freut mich.

Zur Chancengleichheit laufe ich mit euch auf Parallelkurs: sie ist einfach materialistisch gedacht. Das ist idiotisch, materialistisch sein können Liberale besser. Chancengleichheit ist nur die Gleichheit für Arme (pun intended). Die politische Mitte, die ihr altlinkes Image nicht abwerfen will, kann die Gleichheit nicht mehr ernsthaft vertreten, wenn sie ihre neue Wählerschaft nicht weglaufen sehen will: Also macht sie Gleichheit light, Chancengleichheit eben.

Links ist das bestimmt nicht. Die Linke hat historisch gesehen eine zusammenhaltende Klammer, ihre Triade aus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die drei gehören zusammen, und jeder, der da einzelne Werte rauslöst oder durch Leichtgewichtsausführungen ihrer selbst ersetzen will, gehört nicht in die Linke. Gleichheit mag aus der politischen Mode sein, aber dann ist es unsere Aufgabe, sie wieder en vogue zu machen, und nicht, wirtschaftsliberale Scheingleichheit stattdessen zu vertreten.

Schönen Gruß, Steve
 
"materialistisch sein können Liberale besser"

Das bezweifle ich aber sehr arg...

Wie willst du denn eine Gleichheit herstellen, die sich nicht auf eine materielle beschränkt?

Wobei die "Gleichheit" aus dem Dreisatz der französischen Revolution ganz sicher nicht Ergebnisgleichheit bedeuten sollte, aber das ist ein anderes Thema.
 
Hallo Rayson,

"materialistisch sein können Liberale besser"

Das bezweifle ich aber sehr arg...


Nun, das meiste, was ich von den Wirtschaftsliberalen höre, lässt sich auf a) Markt/Geld hat immer recht und b) will mehr Geld reduzieren. Das halte ich für Materialismus.

Wie willst du denn eine Gleichheit herstellen, die sich nicht auf eine materielle beschränkt?

Ganz offen: Keine Ahnung. Andererseits hatte von Neumann wohl auch keine Idee, wie ein Computer jemals eine Milliarde Instruktionen pro Sekunde ausführen, ohne dass seine Relais in der Reibungshitze verglühen. Machte aber nix, er hat einfach nur überlegt, unter welchen Prinzipien ein Rechner arbeiten muss (von-Neumann-Architektur, bis heute angewandt) und den Rest den Technikern überlassen, die langsam aber sicher Fortschritte machen.

Kurz: Ich glaube, Gleichheit anzustreben ist die richtige _Richtung_. Was weiß ich, ob wir das jemals umsetzen können, das wird die Zeit zeigen.


Wobei die "Gleichheit" aus dem Dreisatz der französischen Revolution ganz sicher nicht Ergebnisgleichheit bedeuten sollte, aber das ist ein anderes Thema.


Gleichheit heißt für mich, die horizontale Schichtung aufzuheben. Otto, der 1-Euro-Müllmann, soll gesellschaftlich mit dem Chef von DaimlerChrysler auf Augenhöhe stehen. Das ist die Gleichheit, die die französische Revolution wollte, als sie die Abschaffung der Stände forderte: Die Gleichheit aller Menschen als Menschen. Wenn man das rein wirtschaftlich sieht, kommt man auf keinen grünen Zweig.
 
Wer "Markt" mit "Geld" gleichsetzt, unterliegt dabei selbst schon einem materialistischen Irrtum.

Ein "social engineering" auch nur anzudenken ist übrigens nichts, was ich besonders erstrebenswert oder gar fruchtbar halte.
 
Steve:
Gleichheit heißt für mich, die horizontale Schichtung aufzuheben. Otto, der 1-Euro-Müllmann, soll gesellschaftlich mit dem Chef von DaimlerChrysler auf Augenhöhe stehen. Was haben die Einkommen damit zu tun, auf welcher "gesellschaftlichen" Stufe die beiden stehen? Ich persönlich mache eine solche Wertung (ich weiss ncht, ob ich mit gesellschaftlich das gleiche verbinde wie Du) jedenfalls nicht am Einkommen fest.

Was ich ebenfalls nicht verstehe, ist Deine fortwährende Benutzung von "wirtschaftsliberal". Haben wir uns schon drüber unterhalten, ist mir immer noch unklar. Du schreibst:
Nun, das meiste, was ich von den Wirtschaftsliberalen höre, lässt sich auf a) Markt/Geld hat immer recht und b) will mehr Geld reduzieren. Das halte ich für Materialismus. Markt ist nicht Geld, da möchte ich Rayson sekundieren. Wenn Du so etwas von "Wirtschaftsliberalen" hörst, dann schätze ich, dass es Dein eigenes verengendes Verständnis ist von Markt, Nutzen etc., das Dich zu der falschen Annahme führt, daß "Wirtschaftsliberale" materialistisch seien. Umgekehrt führt mich ein verengtes Verständnis von Markt bei Linken dazu, diesen den Vorwurf des Materialismus entgegenzuhalten, da sie offensichtlich darauf fixiert sind, Markt auf Geld zu reduzieren. Immer wieder ein grundlegendes Verständnisproblem zwischen Liberalen und Linken.

Ich hoffe, es kam in der Kürze einigermassen verständlich rüber.
 
Hallo Rayson,

Wer "Markt" mit "Geld" gleichsetzt, unterliegt dabei selbst schon einem materialistischen Irrtum.

Klarer: "Markt bzw. Geld ..."
Die Aussage sollte heißen, dass entweder Markt oder Geld immer recht haben.

Ein "social engineering" auch nur anzudenken ist übrigens nichts, was ich besonders erstrebenswert oder gar fruchtbar halte.

Dann solltest du dich aus der Politik halten, denn jede Form von Politik ist social engineering, wenn sie sich nicht grad auf political engineering beschränkt (und das wäre sinnlos). Der Wirtschaftsliberale will eine Gesellschaft, in der Eigentum trumpft, ich will eine Gesellschaft, in der Menschenrechte trumpfen. Der Konservative will alles so fixieren, wie es ist.
Ist alles "social engineering".

Schönen Gruß, Steve
 
Hallo Dirk,

Was haben die Einkommen damit zu tun, auf welcher "gesellschaftlichen" Stufe die beiden stehen? Ich persönlich mache eine solche Wertung (ich weiss ncht, ob ich mit gesellschaftlich das gleiche verbinde wie Du) jedenfalls nicht am Einkommen fest.

Gesellschaftlich sind für mich die Bereiche des nicht-wirtschaftlichen Umgangs miteinander: Kultur, Bildung, Gesundheit, Politik, Recht.

Indizien gesellschaftlicher Ungleichheit sind:
1. Das Kind des Müllmanns wird schlechter gebildet.
2. Der Müllmann stirbt, trotz gleicher Ernährungsmöglichkeiten, früher.
3. Der Müllmann hat weniger politischen Einfluss.
4. Der Müllmann landet viel eher und länger für das gleiche Verbrechen im Gefängnis.

Was ich ebenfalls nicht verstehe, ist Deine fortwährende Benutzung von "wirtschaftsliberal". Haben wir uns schon drüber unterhalten, ist mir immer noch unklar.

Ich benutze wirtschaftsliberal, um den "neuen", rechten Liberalismus ("negative Freiheit") gegen den linken und speziell den sozialistischen Liberalismus abzugrenzen. Neoliberal ist ein ähnlicher Begriff, der aber zu sehr ideologisiert wurde. Bitte entschuldige Lapsi.

Wenn Du so etwas von "Wirtschaftsliberalen" hörst, dann schätze ich, dass es Dein eigenes verengendes Verständnis ist von Markt, Nutzen etc., das Dich zu der falschen Annahme führt, daß "Wirtschaftsliberale" materialistisch seien.

Ich versuche mal, den einengenden Gedanken darzulegen, und Du kannst mir dann sagen, was falsch daran ist:

Markt geht nur mit einem Nutzen, der objektiv messbar ist.

Umgekehrt führt mich ein verengtes Verständnis von Markt bei Linken dazu, diesen den Vorwurf des Materialismus entgegenzuhalten, da sie offensichtlich darauf fixiert sind, Markt auf Geld zu reduzieren.

Nein, das ist Lebenserfahrung: Markt und Geld gehen zusammen wie Teeren und Federn. Geld ist einfach das perfekte Austauschmittel für Märkte.
Klar kann ich mir Märkte vorstellen, die ohne Geld funktionieren, aber ein Markt ist mit Geld praktischer.
Es ist also immer nur eine Frage der Zeit, bis Geld in etablierte Märkte sifft. Wenn Du mir ein Gegenbeispiel eines stabilen, geldfreien Marktes geben könntest, wäre ich sehr überrascht.

Schönen Gruß, Steve
 
Es artet aus in Grundsatzfragen, für deren Beantwortung ich nicht die Zeit habe. Ich überlasse Dir, Steve, jedoch gern das letzte Wort.

ad social engineering:
Ich benötige keinen staatlichen Schutz von Eigentum. Eigentum ist eine Konvention, die anerkannt ist, weil sie allen Beteiligten nutzt.

ad wirtschaftsliberal:
Es gibt keinen sozialistischen Liberalismus. Wenn Du Sozialismus meinst, dann sprich von Sozialismus. Wenn Du Liberalismus meinst, dann spricht nicht von Wirtschaftsliberalismus. Wenn Du Neoliberalismus meinst, dann sprich nicht von Liberalismus. Bei allen handelt es sich um klar umrissene Ideenlehren und jeder wird wissen, was Du sagen willst.

ad Nutzen und Markt:
Nutzen ist nicht objektiv messbar und schon gar nicht interpersonal vergleichbar. Aus der Lektüre welches liberalen Autors stammt eine solche Vorstellung?

ad Markt ohne Geld:
Der Heiratsmarkt ist ein solcher geldfreier Markt und ich meine, er ist recht stabil. Für Arbeiten auf diesem Gebiet wurde Herrn Gary S. Becker sogar ein Nobelpreis verliehen.
 
Hallo Dirk,

zu den meisten Dingen lasse ich das letzte Wort auch gerne Dir, aber:

Es gibt keinen sozialistischen Liberalismus.

ist nicht korrekt. Der sozialistische Liberalismus war schon immer ein starker Flügel des sozialistischen Lagers, Noam Chomsky ist heutzutage der stärkste Vertreter und bezeichnet sich auch selbst so.

Schönen Gruß, Steve
 
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